Verein Cordia

Zur Ehre Gottes und Ergötzung des Gemüths

  • Sinfonia, Adagio

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    Nach Bach liegt die wahre rationale Berufung der Musik nicht in der Suche nach irgendeinem ausgeklügelten abstrakten Konzept, sondern darin, „eine volltönende Harmonie zur Ehre Gottes und zur erlaubten Freude der Seele“ zu erzeugen, und dass „der Zweck und die Ursache des Basso continuo, wie aller Musik, nicht mehr sein soll als die Ehre Gottes und die Freude der Seele und des Geistes. Wenn man dies nicht befolgt, ist es keine wirkliche Musik, sondern ein Lärm und ein höllischer Krach.“ Die Werke auf dieser Aufnahme sind ein greifbares Beispiel für diese musikalische Ästhetik.

    Die frühe Freundschaft zwischen Telemann und Bach bezeugt C. P. E. Bach in einem Brief von 1775 an Johann Nikolaus Forkel: „In seinen jüngeren Tagen hat er viel von Telemann gesehen, der auch für mich Pate stand. Er schätzte ihn, besonders in seinen instrumentalen Sachen, sehr hoch.“

    Telemann war der unbestrittene Meister des ,Gemischten Geschmacks‘, entstanden durch die Ausarbeitung und Vermischung des italienischen, deutschen und französischen Stils, die er alle  in seinen frühen Jahren studiert hatteDie 2 Concerti à 4 aus dieser Aufnahme sind das überraschende Ergebnis dieses neuen Stils, der zum Modell für die nächste Generation von Musikern wurde.

    Der Prozess der Selbstanleihe oder des Entlehnens bereits existierender Musik von anderen, um die eigene kompositorische Ader zu stimulieren, war eine weit verbreitete, wenn auch nicht ganz unumstrittene Praxis im Deutschland des frühen 18. Jahrhunderts.

    Warum sollten die Komponisten dann nicht ihre eigenen Kompositionen, ihre erfolgreichsten (die Italiener nannten sie musiche da baule) oder die anderer Komponisten verwenden und sie bei verschiedenen Gelegenheiten ausarbeiten und wiederverwenden?

    Bach selbst greift auf Kompositionen seiner Jugend zurück und bearbeitet sie in der letzten Phase seines kompositorischen Schaffens neu, vor allem in den Sinfonien für Kantaten: BVW 146/1 ist einem verlorenen Violinkonzert nachempfunden (und dann in BVW 1052/1 überarbeitet), wobei der Orgelsolopart wohl für seinen 16-jährigen Sohn Wilhelm gedacht ist, BVW 42/1 nach einem verlorenen Instrumentalkonzert.

    BWV 156/1 ist die Umarbeitung eines verlorenen Oboenkonzertes und wurde auch in BVW 1056/2 wiederverwendet. Zu Recht als eine der „einprägsamsten ,singbaren‘ Melodien“ des Komponisten gefeiert, basiert das Oboensolo im Wesentlichen auf dem ersten Satz von Telemanns Konzert für Solo-Oboe oder Flöte und Streicher 51:G, und Telemann scheint sein Eröffnungsthema für den ersten Satz des Flötensolos 41:G9 (Essercizii musici) wiederverwendet zu haben. Dieser Modellierungsprozess lädt dazu ein, die Arbeitsweise von Bach und anderen Komponisten zu betrachten: die Transformation von Musik eines anderen Komponisten in einen unverwechselbaren Ausdruck der eigenen kompositorischen Stimme. Bachs Verhältnis zu präexistenter Musik anderer war „weniger eine Angelegenheit der Nachahmung eines Modells als vielmehr eine Bewusstmachung der Möglichkeiten, eine Erweiterung der eigenen Schreibweise und eine Anregung seiner musikalischen Ideen. Schon sehr früh tauchen Elemente der charakteristischsten und wesentlichsten Parameter von Bachs Kompositionskunst auf: die sondierende Ausarbeitung, Modifikation und Transformation einer gegebenen musikalischen res facta, die von ihm selbst oder einem anderen Komponisten stammt, mit dem Ziel der Verbesserung und weiteren Individualisierung.“ (Wolff, Christoph: Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000)

    Warum Bach sich ausgerechnet dieses Stück von seinem Freund und bewunderten Kollegen auslieh, „könnte einfach mit der hohen Qualität seiner musikalischen Erfindung und seinem Ausarbeitungspotenzial erklärt werden und möglicherweise durch Bewunderung für und freundschaftlichen Wettbewerb mit Telemann motiviert sein. Möglicherweise wollte er seinem Freund gleichzeitig ein Kompliment machen (mit mehr als dem nötigen Interesse). Was auch immer Bachs Motivation für diese Entlehnung war, die Entdeckung, dass eine seiner berühmtesten Melodien ihre Inspiration Telemann verdankt, bereichert nicht nur den musikalischen und ästhetischen Kontext, in dem wir die Leistungen beider Komponisten verstehen können, sondern verleiht auch Adornos Bonmot eine neue Bedeutungsebene: ,Sie sagen Bach, meinen Telemann.‘“ (Zohn, Steve: Music for a mixed Taste, Oxford 2008)

    Zur Ehre Gottes und Ergötzung des Gemüths

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